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Archiv für Beziehungskiste

AUSSICHTslos

Ein Streit um himmelhohe Bäume auf der Grenzfläche meiner Nachbarin, die mir mit ihrem uneinsichtigen Starrsinn jegliche Sicht in die dahinterliegende Ferne, aufs Wasser und auf bilderbuchartige Sonnenuntergänge verwehrt, erreichte gestern seinen Eskalationsgipfel.

Über Jahre schrieb ich ihr Briefe und suchte das Gespräch mit ihr, um ihr Verständnis zu erlangen. Im wahrsten Sinne des Wortes AUSSICHTSLOS! Eine verbiesterte, missgünstige, altersstarrsinnige Witwe, mit sich und ihrer gesamten Umwelt alles andere als im Einklang. Weil sie selbst diese ersehnte Freisicht nicht geniessen kann, darf ich sie schon lange nicht haben. Aus und fertig. Und wenn sie auf meine Bittschreiben nicht geantwortet hat, dann wäre dies ja Antwort genug …

Ich bin in meinem Leben schon auf sehr viel Sturheit gestossen, dieses liebenswerte Modell einer exemplarischen Nachbarin aber übertriftt einfach jeden bisher aufgetretenen Fall!

Noch mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch über soviel infantilen Trotz und senilen Geifer fuhr ich die Stadt, um bei einer Bekannten Dampf abzulassen. Wie es der Zufall so will – und ich weiss, es gibt keine Zufälle im Leben! – lerne ich im Pausenraum ihres kleinen Unternehmens eine ihrer besten und langjährigen Freundinnen kennen:

eine zierliche, quietschfedele Kettenraucherin mit lebendigen Augen in ihrem faltenübersähten Gesicht, perfekt gestyltes Haar, nikotinsonore Stimme, 86 Jahre. Hellwach im Kopf, mit einem erfrischenden Humor, das ich mich hätte wegschmeissen können. Nach einer Stunde kenne ich ihr Leben und jeden einzelnen ihres unüberschaubaren Familienclans, und jede Minute mit ihr ist ein Geschenk. Kurz: ich hätte die alte Dame glattweg einpacken und mitnehmen können.

Welch ein Ausgleich für meine zuvorige Begegnung mit meiner widerspenstigen Zornhexe! Welch wunderbare Fügung, die mich in dieser Begegnung mit der Menschheit wieder zu versöhnen imstande war … ;-)

Ein Freund zum Vergessen

Im Juli letzten Jahres teilt mir „Freund“ Christian jubelnd mit, er hätte endlich einen job gefunden. Als Flash-Speziallist hätte er den Einstieg in eine namhafte Softwarebude geschafft. Berlin ist angesagt, und der Umzug kostet Kohle – Kohle, die er nicht hat.

Unter Freunden hilft man sich – soweit möglich. Und mir war es zu diesem Zeitpunkt möglich, kurzfristig auf 3.000,- € zu verzichten. Kein Darlehensvertrag, nix schriftlich – im Vertrauen auf eine unerschütterliche Freundschaft nur eine Überweisung auf sein nacktes Konto mit dem spaßigen Vermerk eines gutgläubigen Vollidiotens: „Keine Flocken zum Zocken!“ Im nachhinien wird mir bewußt, dass ich mit diesem lockeren Spruch wohl etwas heraufbeschworen haben muss …

Eine Dankesmail erreicht mich daraufhin mit der Bewunderung: „Wolfgang, Du bist ein Brett! Kriegst es auf jeden Fall zurück!“

Als im Dezember dann noch keinerlei Ansätze einer auch nur stotterhaften Rückzahlung sich bemerkbar machten, fragte ich leise an, wie er sich denn eine Abtragung seiner Schulden vorstellen könnte. Keine Forderung, keine Mahnung, nichts dergleichen! Nur die schlichte Frage zu seiner Vorstellung über eine Darlehenstilgung bringt „Freund“ Christian dazu, nun sein wahres Gesicht zu zeigen:
ab diesem Zeitpunkt habe ich von meinem feinen Freund bis dato nichts mehr gehört. An die 10 mails, 12 Anrufe privat wie in der Firma sowie ein Brief wurden quittiert mit Schweigen, Verleugnungen durch Dritte und leeren Zusagen des Rückrufs – sogar durch die eigene Ehefrau.

Aber es kommt noch besser: den leiblichen Vater dieses Früchtchens treffe ich nahezu jeden Tag auf dem „Hunde-Acker“. Als unmittelbare Nachbarn sind wir unendliche km mit unseren Hunden Seite an Seite übers Feld gelaufen und haben in freundschaftlicher Offen- und Direktheit über Gott und die Welt debattiert.

Noch zu Beginn unserer Bekanntschaft stellte er mir mit dem Stolz eines Clan-Vorstandes großspurig und bebildert seine gesamte Sippe vor. Nun, nach Darstellung dieser Geschichte, „distanziert“ sich Papa vom fragwürdigen Verhalten seines mißratenen Sprößlings. Anstatt in angemessener Form zu intervenieren oder gar einen Versuch zur Vermittlung zu unternehmen, tangieren sich nun unsere Pfade im respektablen Abseits. Der Respekt vor solchen Menschen allerdings ist mir verloren gegangen.

Soviel zum gefallenen Apfel mit dem bekannten Baum …

In meinem Leben kreuzten schon viele krumme Hunde meine Wege. Immer wieder dachte ich tief betroffen: „Solch eine unverschämte Ignoranz gegenüber Anstand und Humanität ist nicht zu überbieten!“ Aber jeder Fall wurde vom Nächsten im Grad seiner mir immer unbegreiflich bleibenden Unverschämtheit getopt – wie es auch dieser wieder einmal tat …

Freundschaften, die keiner braucht – Bekanntschaften, auf die man verzichten kann …! Ab damit in die Tonne!

Marion

Karen, Marions beste Freundin und Vertraute, setzt mich davon in Kenntnis, daß Marion in der Klinik in Kiel verstorben ist. Nicht einmal ihr eiligst aus Husum angereister Vater hatte die Chance, wenigstens ihren Leichnahm zu sehen. Er wurde umgehend von der Krankenhausleitung in Beschlag genommen. Marion wollte es so. Sie hatte unterschrieben, daß ihr Körper nach ihrem Ableben der Wissenschaft zur Verfügung gestellt wird. Damit ist dieser nach dem Tod einfach weg, keinem – mit ausnahme der Medizin – mehr zugänglich. Kein Abschied, keine Aufbahrung, keine Trauerzeremonie, kein Begräbnis, keine Reden. Sie ist gegangen, einfach so. Es heißt, sie wäre auf dem Weg ins Bad einfach zusammengebrochen. Lungenembolie.

Noch vor ein paar Tagen war ich bei ihr – zu Haus. Es war ein wiederholtes Mal, daß sie sich in ihrer Selbstüberschätzung vom Krankenhausaufenthalt befreit hatte, um zu Hause und bei dem Liebsten, was sie noch hatte, ihrem treuen Hund Hagen, zu sein. Sie war sichtlich geschwächt, saß aufrecht aber im Bett und versuchte mit mir die Details unseres Darlehensvertrages zu regeln. Es ging um eine kleine Summe, für die sie mir als Sicherheit ein kostbares Kaffeservices übertragen wollte. Zu diesem Zeitpunkt schob ich den Gedanken an ein mögliches Ableben Marions weit von mir, das Geld hatte sie schon lang zuvor erhalten und vermutlich auch verbraten, zu einer Unterzeichnung des Vertrages kam es nie …
Wir sprachen über alte Erinnerungen, gemeinsame Erlebnisse und die eine oder andere Seelennot, hielten uns an der Hand und heulten die Kissen und Tempos voll. Ich heulte noch, als ich mit Hagen Gassi ging – eine Runde um den Block. Nur schwerfällig, träge und überaus müde folgte er mir, und ich erinnerte mich, wie er bei unseren früheren, gemeinsamen Spaziergängen stets 100 Meter voraus lief, an jeder Krauezung brav stehen blieb und erst auf die Strasse trat, wenn Marion ihm das Freizeichen gab.
Und ich heulte noch immer, als ich nach unserem Abschied die steinerne Treppe die drei Stockwerke hinunter lief, in den Wagen stieg und am Hindenburgufer entlang nach Hause fuhr. Mein Innerstes wußte offensichtlich, daß wir uns ein letztes Mal wiedergesehen hatten …

SchuldenSchlampe!

Aus Kostengründen teilte ich mit „Freundin“ Erika ein bescheidenes Büro. Als ich es mit recht ansprechendem und nicht minder kostbarem Mobiliar ausgestattet hatte, kam Erika und nahm den von mir eingerichteten Arbeitsplatz (USM-Haller-Tisch, Designer-Stuhl, Telefon, Fax, Internet, USM-Haller Sideboards) wie selbstverständlich in Besitz – ausgerüstet mit einem Heißwasserkocher, einer Tasse und einem Teebeutel …

Als nach einem nur knappen Jahr ihr Mietanteil immer zögerlicher floß, teilweise sogar ausblieb, und ich sie noch zu allem Überfluß vor die Frage stellte, wie sie es sich vorstellen könnte, sich an der Büroausstattung in irgend einer Weise zu beteiligen, da war Schluß mit Lustig!

Über den Jahreswechsel putzte Erika in meiner Abwesenheit die Platte, ward nie wieder gesehen und klaute mir bei ihrem unwürdigen Abgang die unterzeichnete Kopie unserer Mietvereinbarung aus meinen Akten …

Telefonanrufe wurden mit Auflegen quittiert, Schreiben nicht beantwortet. Tauchstation!

Es folgte Mahnbescheid, Gerichtsverhandlung, und es offenbarte sich die völlige Mittellosigkeit von Erika – Offenbarungseid drei Monate vor Abgang, ihren BMW Z3 hat sie zur Sicherung eines Darlehens an ihren Freund abgetreten – und ich blieb seit dem mit einem nichtsnutzigen Titel auf 4.300 EURO sitzen.

Eine Freundschaft für die Tonne!

Ich bin in meinem Leben schon über viel Scheiße gestolpert, aber Du, liebe Erika, kannst Dich rühmen, der an Gestank und Masse allergrößte Haufen gewesen zu sein …!

Marion

Post von Marion. Handgeschrieben! Wo sie doch sonst nur noch per eMail und SMS kommuniziert – und per Handzettel. Denn Marion kann nicht mehr sprechen. Rachenkrebs hat sie ihrer Schönheit und Sprache beraubt. Die halbe Zunge hat man ihr wegschneiden müssen, mehrfach ihr gezielt den Kiefer gebrochen, Knochen und Haut aus allen Teilen ihres geschundenen Körpers entnommen und am Kopf wieder eingesetzt. Sie hat schon lang aufgehört, die Zahl der chirurgischen Eingriffe, die sie über sich hat ergehen lassen müssen, zu zählen.
Marion habe ich vor mehr als 30 Jahren in einem Münzwaschsalon kennengelernt – zusammen mit ihrem damaligen Freund Gerd. Gerd war erfolgreicher Vertriebsmann in der Reifenbranche, Marion Friseuse und ich angehender Betriebswirtschaftler im ersten oder zweiten Semester. Jeder, der nicht so recht wußte, was er denn so studieren sollte, studierte damals BWL. Auch wenn ich damals so meine Differenzen mit dem vermittelten Stoff hatte – naja, vielleicht eher mit meiner Auffasungsgabe und meinen Konzentrationsschwächeleien -, diese drei Jahre Kiel waren die schönsten meines Lebens!
Durch Marion und Gerd rutschte ich in einen Kreis, der letztendlich zu einem engmaschigen Netzwerk von Freunden und guten Bekannten wurde, das stetig wuchs und es unmöglich machte, durch Kiel zu streichen ohne jemanden zu treffen, mit dem man mehr als nur ein MOIN auszutauschen hatte. Wie sich das im Laufe eines Lebens alles ändert …
Gerd pushte Marion, mehr aus sich zu machen, schickte sie zu Fort- und Ausbildungen, und nach zwei Jahren hatte sie ihr Meisterdiplom in gleich zwei Salons an exponierter Stelle hängen.
Die Beziehung zwischen Beiden kränkelte schon damals, was ich aber nur am Rande mitbekam. Nach meinem Examen zog ich nach Süddeutschland unser Kontakt fror etwas ein. Offensichtlich aber auch zwischen den Beiden, und plötzlich hieß es, Marion hätte sich aus dem Staub gemacht, hätte ihren Laden, ihren Gerd und all ihre Verantwortungen hinter sich gelassen und war einfach weg – keiner wußte, wo.
Das muß Marions verzweifelter Befreiungsschlag gewesen sein, der Ausbruch aus einer Beziehung, die für sie nicht mehr zu ertragen war. Wenig später – nach der Eheschließung mit einem mir völlig unbekannten Mann – brach dann ihre vernichtende Krankheit aus. In dem Moment aber, als sie vor ca. 12 Jahren sich einen Hund anschaffte, der heut noch ihr ein und alles ist, stagnierte der Krankheitsverlauf – leider aber war dieser bis dahin schon sehr weit fortgeschritten. So weit, daß sie von Außenstehenden, Kindern wie auch Erwachsenen, wie ein Monster angestiert wird.